Hello, da bin ich. Die letzte Woche war die reinste Achterbahnfahrt, teilweise ging es mir unbeschreiblich gut und ich hab mich so auf meine Zukunft gefreut und mich so stark gefühlt. Doch vor ein paar Tagen waren da wieder diese Zweifel, diese Gedanken und diese Angst, ganz langsam schlichen sie sich in meinen Hinterkopf, erst hab ich sie gekonnt ignoriert, doch dann wurden sie so groß, dass sie nicht mehr zu verdrängen waren. Erst unbewusst, dann leider bewusst, hab ich angefangen, wieder Mahlzeiten einzuschränken, zu viel zu trainieren, mich selbst auszutricksen. Die üblichen Handlungsabläufe und Verhaltensmuster - sie sind einfach noch zu vertraut. Angefangen bei Kaffee und Kaugummi en masse bis hin zu Salat ohne Dressing zu den Hauptmahlzeiten. Vorhin, beim Abendessen, bin ich extra direkt zum Salat gelaufen, hab meinen Teller gefüllt und dann schnell zurück zum Platz. Mehr gibt's dann halt heute Abend nicht, Elina, denn wer wärest du, wenn du ein ZWEITES Mal zum Buffet laufen würdest? Das ist ein absolutes No-Go, das machen nur verfressene Menschen ohne Beherrschung. Was würden denn die anderen Leute denken?
Selbst wenn ich das hier schwarz auf weiß lese, könnte ich in schrilles Gelächter ausbrechen, weil es einfach so dumm ist.
Ein anderes Wort habe ich für solche Gedanken nicht.
Trotz dieses momentanen kleinen Tiefs ist aber noch nichts verloren. Ich glaube auch, dass das wieder vorüber geht, nach 4 Monaten harter Arbeit an meiner Genesung kenne ich diverse Stadien von mir und ich hab mich von jeder vermeintlichen Resignation immer wieder erholt und neuen Mut gefasst. Und ein paar Tage "rückfällig" zu werden, das darf ich mir auch mal erlauben...oder?
Es ist nur...die Angst, dass ich diese bestimmten Verhaltensmuster wohl nie ganz werde ablegen können, und das würde mich sehr traurig machen. Weil ich mir zum Beispiel denke, dass nach 4 verdammten Monaten die Angst vor Kohlenhydraten doch endlich verschwunden sein müsste? Ungelogen, das letzte Stück Backware, welches ich gegessen hab, war wirklich dieser Blaubeermuffin, wann war das...vor 2 Wochen? Das ist doch Mist. Und das macht mir wiederum Sorge vor der Zeit zuhause, in 10 Tagen bin ich hier endlich durch und ich freue mich sehr, aber gleichzeitig kann ich nicht einschätzen, in wieweit ich mir zuhause vertrauen kann. Gewisse Kommentare von anderen Menschen können mich nach wie vor extrem beeinflussen, eine falsche Anmerkung und schon hab ich wieder ein Brett vorm Kopf. Dazu kommt die Freiheit, wieder auf meine "Safe-food"-Artikel zurückgreifen zu können und meiner Waage wieder mehrmals täglich Besuche abzustatten.
Das kann doch nicht sein, dass das überhaupt eine Option zu sein scheint?
Diese Lebensweise hat so gut wie alles kaputtgemacht und trotzdem...bin ich einfach zu primitiv, um dieses Ausmaß irgendwann mal ernsthaft zu begreifen?
In manchen, kleinen Momenten, wenn ich zurückdenke, an die schlimmste Zeit, Sommer/Herbst, dann wird mir richtig schlecht vor Hass und Fassungslosigkeit, wie konnte ich mir das antun und alles in den Sand setzen? Wie konnte ich nur?
...
Mir wurde hier oft gesagt, dass ich mir deswegen keine Vorwürfe machen darf, ich hätte keine Schuld daran, es wäre eine Krankheit. Trotzdem...ich habe mich nunmal irgendwie dafür entschieden, darum bin ich auch die Schuldige. Dann kommt immer: "Hey, ja vielleicht hast du dich irgendwann dafür entschieden, aber ab einem Zeitpunkt hat die Krankheit die Überhand genommen, und ab da hast nicht mehr du gehandelt, sondern die Essstörung."
Ja, weil ich es bin. Ich bin die Essstörung, diese Gedanken, diese Handlungen, das alles kommt ja nicht durch äußere Einflüsse, wie eine Grippe, sondern aus meinem Innern.
Ich bin Elina, diejenige, die bei der Vorstellungsrunde hier immer nur sagt: "Hallo ich bin Elina, 21J. und bin wegen einer Essstörung hier." Ich bin sogar zu feige, um das Wort "Magersucht" in den Mund zu nehmen, ich hasse es.
Ich will doch so viel mehr sein.
Diese Krankheit macht mir ne scheiß Angst. Ich kann absolut nicht einschätzen, wie stabil ich wirklich bin. In wie weit ich mir manchmal selbst was vormache, was ich schon alleine schaffe und was nicht. Und dazu noch die Frage, was die Menschen zuhause mir schon zutrauen und von mir erwarten.
Mir graust schon davor, dass mein Umfeld denken könnte, dass jetzt alles wie früher sei und ich sie dann enttäuschen werde, wenn mich bestimmte Situationen noch überfordern.
In meinem Kopf, kurz vor der Klinik, war der Zeitpunkt, an dem ich nachhause komme, ein ganz anderer. Erstens war dieser in meinen Vorstellungen schon viel eher, ich war der festen Überzeugung, dass ich Anfang des Jahres schon locker nachhause fahren würde. Zweitens hatte ich mich schon "gesund" gesehen, kurvig und vor Lebensfreude
strotzend, selbstbewusst wie eh und je.
BULLSHIT.
Ich will endlich frei sein, ich will ich will ich will. Aber vielleicht darf ich mir einfach nicht so viel Druck machen, es wird sich schon alles zum Guten wenden...
Die wichtigste Entscheidung hab ich ja schon ganz sicher getroffen - ich will leben.