Elina
27 Jahre
selbstkritisch, paradox, aber stilsicher

Sonntag, 29. Januar 2017

"Möchtest du auch noch einen Kaffee?" Ich antworte nicht. Stattdessen stehe ich am Fenster und starre in die Gärten der Nachbarhäuser. Mein Blick schweift umher, über matschigen Rasen, Zäune und Pflastersteine. Ich wünsche mir, dass dort eine Katze auftaucht, eine kleine flauschige Katze die über den Rasen tapst - oder irgendetwas, das in mir ein Gefühl von Freude erzeugt. Stattdessen ist da nur das gleichbleibende Grau eines Januars, der sich dem Ende zuneigt. Ich gebe die Suche schließlich auf, drehe mich um und setze mich an den Frühstückstisch. Mein Schweigen zieht sich durch den Tag, bis ich jetzt hier sitze und endlich mal wieder dieses weiße Fenster fülle.
Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl in Worte fassen soll. Da ist so viel Leere und Frustration. In Psychologie wurde uns gelehrt, dass keins davon ein echtes Gefühl ist, alle diese Worte sind nur lächerliche, fehlinterpretierte Umschreibungen der fünf Grundgefühle. 
Angst, Freude, Traurigkeit, Wut und Scham. 
Was empfinde ich also?
Angst? Ja. Ein Gefühl, das in der Lage ist, meinen Herzschlag zu beeinflussen und mir die Luft zum Atmen nimmt. Da ist viel Angst vor den nächsten Wochen. Die Angst, dem Druck nicht gewachsen zu sein, der von Tag zu Tag größer wird.
Traurigkeit - Ich trauere um die Tatsache, dass ich emotional noch lange nicht so stark bin, wie ich dachte. Ich trauere um meine Beziehung, die mich nicht mehr hält, so wie sie es bis vor ein paar Monaten noch getan hat.
Wut - Da ist viel Wut. Wut, die mir manchmal die Tränen in die Augen treibt, die mich zittern lässt. Ich denke, dass es schwierig ist, den wirklichen Grund für die eigene Wut zu erkennen. Ich erwische mich dabei, wütend auf Menschen oder Situationen zu sein, die ich unterbewusst vor das eigentliche Problem schiebe. Dabei kann ich das Problem gar nicht wirklich benennen, es hat nur irgendetwas mit mir und meinen Entscheidungen zu tun, old story.

Für mich waren die besten Zeiten meines Lebens die, kurz nach einer tiefen Phase der Anorexie. Das Gefühl, genesen zu sein - das Gefühl, dass mir die Welt offen stand. Überhaupt wieder etwas zu empfinden, neue Kraft geschöpft zu haben und eine unglaubliche Lust auf das Leben zu haben. Ich denke in den letzten Tagen oft daran zurück und erwische mich dabei, mein damaliges Ich bemitleidend zu belächeln, weil man ja doch immer wieder zurückfällt.