Du willst wissen, wie ich mich fühle? Ich will wissen, wie ich
mich fülle.
Bumm, bumm, bummbummbumm.
Ich werde von einem Stolpern in meiner Brust wach. Mein Herz rast
so schnell, dass ich mich aufsetzen muss. Ein Blick auf die Uhr -
09:36Uhr. Ich hab durchgeschlafen. Seit Wochen habe ich wieder
durchgeschlafen. Eigentlich ein Grund zur Freude, wenn mein Herz
nicht so rasend schnell Blut durch meine Adern pumpen würde. Ich
falte mich in meiner Decke zusammen und beginne langsam damit, den
gestrigen Abend zu reflektieren. Ein gemütliches Zusammensitzen mit
Freunden, ein paar Gläser Wein, tiefgründige Gespräche, Ballons an
der Zimmerdecke und Rauchen auf der Fensterbank, den Rauch in die
eiskalte Luft pustend. Genau diese Abende, die mich erfüllen.
Trotzdem fühle ich mich leer. Ich versuche mir in Erinnerung zu
rufen, wie es zu diesem Gefühl, welches mich schon seit ein paar
Wochen wieder begleitet, kam. Ich brauche nicht lange, um mir ein
paar Situationen ins Gedächtnis zu rufen. Ein Kommentar hier, ein
Gespräch dort, ein paar Enttäuschungen, der Duft nach Herbst und
ein paar alte Fotos und Erinnerungen. Darf mich das belasten? Ja.
Darf ich mich erinnern? Selbstverständlich. Darf ich mich
einer Sehnsucht hingeben, die falsch ist? Ja. Bin ich
in der Lage, es nur bei Sehnsucht zu belassen? Ich weiß es nicht.
Werden diese Gedanken jemals aufhören? Laut meiner letzten
Therapeutin - Nein. Für diese Tatsache erntete
ich gestern Abend noch einen mitleidigen Blick eines guten Freundes.
Herbst. Die schönste Jahreszeit. Ich öffne das Fenster einen
Spalt breit und atme die kalte, feuchte Luft ein. Mein Herz möchte
nicht aufhören, mich zu quälen. Einatmen, ausatmen. Ein und aus.
Mein Körper glüht, obwohl ich friere. Ich schleiche zurück ins
Bett, rolle mich neben meinen schlafenden Freund ein und lege meine
heiße Wange auf seinen Oberarm. Bumm.
Bumm.
Mein Herz schlägt langsamer und ich schaffe es, die Augen nochmal zu
schließen, ohne Panik zu bekommen.
Vielleicht ist alles gar nicht so schlimm. Vielleicht brauche ich
einfach einen Neustart in dieser Stadt - Erinnerungen gehen und
Herbstlaub unter meinen Füßen rascheln lassen. Umziehen. Mein
eigenes, neues Reich schaffen. Ich bin nicht mehr gerne zuhause. Die
besten Menschen sind nicht mehr da. Sie wurden von jungen, wilden
Trampeln ersetzt, mit denen ich einfach nicht warm werde. Ich wünsche
mir nichts mehr als meine eigene Wohnung voller Lichterketten und
Kerzen zu besitzen. Zur Ruhe kommen. Mich zuhause fühlen. Gedanken
ordnen. Denn selbst schreiben kann ich nur noch Müll.
Dienstag, 8. November 2016
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